Club of Logistics: Industrie 4.0: Mehr als alter Wein in neuen Schläuchen?

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Das politisch gewollte und deshalb entsprechend hoch aufgehängte Projekt „Industrie 4.0“ hat nach Ansicht des Clubs of Logistics (Dortmund) die Logistikindustrie noch nicht in ausreichendem Maß erreicht. Das sei aber kein Wunder, denn die Auswirkungen auf die Logistiklandschaft seien derzeit noch unabsehbar, betont Clubgeschäftsführer Peter H. Voß. „Auch wenn immer betont wird, dass die Logistik im Rahmen von Industrie 4.0 an Bedeutung gewinnen wird, hat die Industrie die Logistiker bisher kaum eingebunden in die vollmundig angekündigten Veränderungen der Wertschöpfungsprozesse“, so Voß.

Der Clubgeschäftsführer geht sogar noch einen Schritt weiter: „Bislang ist überhaupt nicht klar, wie eine nach den überall herumgereichten Allgemeinplätzen zum Schlagwort Industrie 4.0 gestaltete Wirtschaft konkret aussehen soll. Fest steht wohl nur: Im Fall einer Verwirklichung all der schönen Blaupausen wird die Logistikindustrie massiv betroffen sein, vor allem wird sie unter wachsenden Kostendruck geraten.“ Die Digitialisierung und Vernetzung aller Wertschöpfungsstufen und –prozesse laufe nämlich zunächst einmal nur auf Kosteneffizienz und zunehmend individualisierte Produkte hinaus. „Was das für die Logistikindustrie bedeutet, kann man derzeit bestenfalls ahnen“, fürchtet Peter H. Voß.

Allein die Auswirkungen auf die Verkehrsströme seien heute noch nicht abzuschätzen, meint Voß. „Experten rechnen mit Veränderungen, die den Güterverkehr noch kleinteiliger und damit noch herausfordernder machen. Da die Bereitschaft der Industrie und der Verbraucher, diese Kosten zu tragen gering ist, stehen große Teile der Logistikindustrie vor schwierigen Aufgaben.“

Absehbar sei, dass es zunächst im stationären Einzelhandel zu einer Regionalisierung der Distributionsstrukturen komme. Daraus folge eine steigende Nachfrage nicht nur nach neuen und flexiblen Distributionszentren des Handels, sondern auch nach zusätzlichen Logistikstandorten in der Nähe von Ballungszentren, an denen Güter für die Kunden aufbereitet und schnell zum Empfänger gelangen können. Marktchancen sieht der Club of Logistics deshalb vor allem für Kontrakt- und Mehrwertdienstleister.

Derzeit kristallisieren sich zwei  Entwicklungslinien in der Industrie 4.0-Diskussion heraus: Zum einen stehen verstärkte Kundenorientierung und Verbesserung des Produktnutzens im Mittelpunkt. Eine andere Stoßrichtung ist die Individualisierung der Produkte. Beides wird unter dem Begriff „Hybridisierung der Wertschöpfungskette“ zusammengefasst. Da immer noch viele Konsumgüter zu einem großen Teil nicht in Deutschland, sondern in Osteuropa und Fernost gefertigt werden und die Kundenbereitschaft, auf diese Produkte lange zu warten sinkt, ist aus Sicht des Clubs of Logistics jedoch eine Individualisierung in vielen Fällen nicht sinnvoll. Sie kann deshalb nicht im Rahmen der eigentlichen Produktion in Tschechien oder China, sondern nur in der Nähe der Konsumenten stattfinden.

„Die Individualisierung findet also nicht beim eigentlichen Hersteller, sondern beim Händler oder beim Logistikdienstleister statt“, so Peter H. Voß. „Das reicht von der einfachen Konfektionierung über eine Anpassung des Produkts bis zu dessen Fertigstellung durch kundenspezifische Fertigung. So fürchterlich neu ist das nicht. Seit zwei Jahrzehnten werden im Rahmen von Outsourcingprojekten Aufgaben aus der Industrie auf den Dienstleistungssektor verlagert. Ich habe deshalb den Eindruck, dass mit Industrie 4.0 derzeit noch alter Wein in neuen Schläuchen schmackhaft gemacht werden soll.“

Quelle: www.club-of-logistics.de

Foto “head”: christian alex – www.pixelio.de

Pressemitteilung veröffentlicht am 24.02.2015 in Dies + Das, News (In- und Ausland).
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